Das Tempo der schöpferischen Zerstörung: Ein Goldenes Zeitalter für Trader?

Das Tempo der schöpferischen Zerstörung: Ein Goldenes Zeitalter für Trader?

Wenn man sich die Magnificen 7 ansieht, mit ihrer Preissetzungsmacht und der schier unglaublichen Größe, die sie alle haben, mag man nicht glauben, dass auch nur eine von diesen Firmen in den nächsten Jahren untergehen wird. Auch ich kann es mir nicht vorstellen, obwohl es immer wieder Unternehmen gab, von denen niemand dachte, dass sie noch aufzuhalten sind. Klassische Beispiele sind die Ostindische Kompanie im 18. Jahrhundert, die letzten Endes sehr schnell unterging. Auch General Electric, AT&T und die Bank of America galten in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts als unbesiegbar und mächtig. Zwar sind alle noch an der Börse, aber als unbesiegbar würde sie keiner mehr bezeichnen, viele nicht mal mehr als interessant. Von Cisco ging man in den 2000ern sogar davon aus, dass es bald die ganze Welt beherrschen wird. Heute ist Cisco nur noch ein kleiner Fisch.

Im Schnitt überleben die größten etablierten Unternehmen im S&P 500 lediglich 21 Jahre, bevor sie wieder rausfliegen. Für den Durchschnitt aller börsennotierten Unternehmen und deren generelle Lebensdauer sieht es sogar noch schlimmer aus: Da sind es gerade einmal 7,5 Jahre. Weltweit waren es 1964 noch ca. 33 Jahre, dann fiel die Zahl auf ca. 24 Jahre im Jahr 2016 und die Lebensdauer fällt weiter. Prognosen gehen davon aus, dass es bis 2027 nur noch 12 Jahre sein werden, die ein Unternehmen an der Börse existiert. Wohlgemerkt: im Schnitt.

Wo früher also Jahrzehnte vergehen mussten, um etablierte Konzerne vom Thron zu stoßen, vergehen mittlerweile nur noch Jahre. Denn die KI‑Systeme sind in diese Prognosen bisher nur unzulänglich eingeflossen. Das Prinzip ist nicht neu, hatte es doch schon Joseph Schumpeter in den 1940er Jahren erklärt. Er nannte das damals die „schöpferische Zerstörung“. Doch die KI brachte das Ganze auf ein Niveau, das sich nicht mal Schumpeter hätte vorstellen können.

Denn wie schnell das Ganze gehen kann, haben wir schon erlebt, zumindest einen Vorgeschmack des Ganzen. Die Vorstellung eines einfachen Modells von Anthropic hat gereicht, um einen ganzen Sektor in die Knie zu zwingen. Traditionelle Software-as-a-Service-Unternehmen, die noch vor kurzem als Cashcows bezeichnet wurden, gerieten plötzlich unter Druck. Sie mussten sich die Frage gefallen lassen, ob man sie morgen überhaupt noch brauchen wird. 285 Milliarden flossen in wenigen Stunden aus dem Markt, weg von SaaS‑Aktien, hin zu Cloud-, Chip- und Infrastruktur-Aktien. Jetzt beobachten wir, wie das Geld langsam wieder zurückfließt. Vielleicht ist KI für diesen Sektor doch nicht so schlimm, vielleicht doch. Ganz sicher ist sich da noch keiner. Wie es letzten Endes ausgehen wird, ist irrelevant, da sich eins gezeigt hat:

Die Unternehmen, die gestern noch verlässliche Cashflows und einen hohen Marktanteil hatten, könnten morgen schon überflüssig sein, wenn sie sich nicht schnell genug anpassen können und ein neues KI‑Startup auftaucht, das den Job schneller und billiger erledigt. Wer jetzt argumentiert, dass das immer schon so war, hat völlig recht, aber das ist nicht mein Punkt. Mein Punkt ist, dass das ab sofort deutlich schneller passieren wird. Kleinere Firmen sind noch stärker betroffen.


Das Problem mit dem passiven investieren:

Ich rate niemandem, seine ETFs zu verkaufen, allerdings habe ich eine schlechte Nachricht für euch: Die ETFs werden hinterherhinken. Das Grundproblem von Indizes war schon immer, dass sie einen Lag-Effekt haben. Um in einem Index zu landen (vor allem den beliebten S&P 500, DAX, Nasdaq usw.), muss das Unternehmen gewisse Anforderungen erfüllen. Meist geht es um Marktkapitalisierung, aber auch um Profitabilität oder Historie. Wenn die Disruption der Technologie immer schneller wird, werden immer mehr Unternehmen kurzlebiger und immer schneller werden neue Unternehmen auftauchen, die aufsteigen und schließlich wieder verschwinden. Natürlich gehe ich davon aus, dass einige davon es auch in einen Index schaffen werden, aber das wird zu einer Zeit passieren, wo ihre Story größtenteils schon gelaufen ist. Die Unternehmen werden Milliarden an Marktkapitalisierung aufgebaut haben, bevor ein ETF‑Käufer davon profitieren kann. Ein gutes Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit ist Tesla. Jahrelang legte das Unternehmen einen unglaublichen Aufstieg hin, bis es schließlich knapp an seinem damaligen Peak in den S‑&P 500 aufgenommen wurde.

Natürlich hat ein ETF einen entscheidenden Vorteil, denn obwohl sie nicht den extremen Anstieg der Aktie mitnehmen, werden sie auch den Niedergang nur sehr gedämpft mitnehmen. Wenn die Aktien absteigen, spielt das im ETF eine immer weniger große Rolle, da die Gewichtung abnimmt. Ein weiterer Vorteil ist, dass man die 90% der Startups, die versagen, auch herausfiltern kann, da sie es nicht in den Index schaffen.


Das goldene Zeitalter der Trader:

Für Trader sieht es da ganz anders aus. Durch KI beginnt ein Paradigmenwechsel, wie es ihn seit Jahrzehnten nicht mehr gab. Die Unternehmen werden so schnell auftauchen und wieder verschwinden, dass nicht mehr das Liegenlassen der Geheimtrick wird, sondern die Agilität, die ein Trader hat. Gerade in der Phase, in der wir uns gerade befinden, ist das schon sehr schön zu sehen. Nebius, CoreWave, Sandisk, Samsung usw. waren alles Aktien, die extrem gestiegen sind und die ein Trader ohne weiteres erkennen konnte. Auch der Ausstieg aus diesen Aktien war relativ leicht zu sehen. Kurz gesagt: Die Buy-and-Holder und die Trader konnten beide sehr viel Geld damit verdienen, aber die Trader sind bereits wieder aus der Aktie raus, während den Buy and-Holdern sehr viele Felle wegschwimmen.

Zwischen Mai und Juli bewegte sich der S‑&P 500 kaum, während ein Trader sehr viel Geld verdienen konnte, weil innerhalb von vielen Sektoren eine unglaubliche Volatilität steckte. Es ist Unsicherheit, die sich in der Volatilität zeigt, und diese wird die nächsten Jahrzehnte immer mehr beherrschen, denn kaum ein Sektor kann noch sicher sein.

Aus diesem Grund glaube ich, dass die Ära der meisten Platzhirsche vorbei ist. Natürlich wird es noch Sektoren geben, die von KI auf absehbare Zeit nicht disruptiert werden können. Und Unternehmen, die davon jetzt profitieren, können auch noch länger profitieren, aber die Richtung ist klar. Nicht einmal die Erbauer von Infrastruktur werden noch sicher sein (Elektrizität ausgenommen). Wer sagt, dass wir in 5 Jahren durch KI keinen technologischen Sprung machen und die meiste aktuelle Rechenleistung veraltet ist? Die Unternehmen werden in einem dauerhaften Status der potenziellen Entwertung stehen.

Dadurch herrscht, wie oben schon gesagt, mehr Unsicherheit, und Unsicherheit führt zu mehr Volatilität. Volatilität wird also kein temporäres Marktphänomen mehr sein, sondern ein permanenter Neuzustand der Börsen.

Wer also unabhängig von den Indizes ist, dem wird die Zukunft gehören. Denn während diese in Seitwärtsphasen stecken, werden die Trader in Bereichen unterwegs sein, die von der KI aufgerieben werden, oder durch die KI erneuert. Und mit KI ist es ja noch nicht getan, Robotik ist das Nächste auf der Liste. Diese Disruption passiert in Wellen und jede Welle wird größer als die nächste. Zuerst war es die Software, dann trifft es die Beratung, als Nächstes folgen die Logistik, Finanzdienstleistung, Mediengiganten, Versicherung u. v. m.

Trader können diesen Wellen schnell hinterherhandeln und sind längst wieder weg, wenn das Ganze doch nicht so groß wird wie gedacht. Sie können jede Sektor-Rotation ausnutzen, während die Indizes nur langsam bis gar nicht vorwärts kommen. Der große Vorteil eines Traders war schon immer, dass er rechtzeitig auf der Party ist, und schon in die nächste Party einsteigt, während die andere Party gerade an die Wand fährt. Buy and Holder küssen die Wand.


Wo ist der Haken?

Das Ganze ist nur eine Theorie, die ich mir selbst zusammenreime. Das heißt auf keinen Fall, dass ich recht habe und es so kommen wird. Und selbst wenn es so kommen wird, empfehle ich niemandem, seine ETFs zu verkaufen. Vielleicht mag es für die Zukunft nicht mehr die beste Art sein, sein Geld anzulegen, aber es ist immer noch besser, als nichts zu tun. Auch wenn die Renditen fallen werden.

Und ich empfehle auch niemandem, Trader zu werden. Tatsächlich ist es für die wenigsten Leute ein toller Beruf oder ein tolles Hobby. Man irrt sich eigentlich ständig, muss aus seinen Fehlern lernen und immer wieder nachbessern. Man muss sich anpassen und bekommt dennoch immer wieder Schläge. Demnach muss man das schon lieben, um sich so etwas freiwillig anzutun. Solltest du also zu diesen Masochisten gehören: Glückwunsch, dann wird dir bald die Welt gehören. Falls du nicht so einer bist, ist das trotzdem kein Problem. Trotz vieler verpasster Chancen und begrenztem Wachstum, die von trägen Abstiegen begleitet werden, wird der ETF immer noch eine stabile Basis bleiben.

Allerdings gibt es auch für die Trader einen Haken. Die Unternehmen wissen natürlich, dass sie die Märkte mit Meldungen bewegen. Deshalb werden viele von diesen Meldungen zu Zeiten veröffentlicht, an denen Börsen geschlossen sind. Das führt oft zu extremen Gaps, in denen kein Stopp hilft. Deshalb wird Risikomanagement noch wichtiger werden. Man muss seine Positionen akribisch aufbauen und dieses Risiko immer im Hinterkopf behalten.


Fazit:

Am Ende läuft alles auf eine einfache Frage hinaus: Willst du die Welle reiten oder dich von ihr überrollen lassen? Die schöpferische Zerstörung beschleunigt sich in einem Tempo, das die Spielregeln an den Finanzmärkten für immer verändert. Für passive ETF-Anleger bedeutet das nicht das Ende der Welt, aber sie müssen sich darauf einstellen, den Großteil der Party zu verpassen und die Zeche für den trägen Abstieg zu zahlen.

Für aktive Trader hingegen bricht tatsächlich ein goldenes Zeitalter an. Wer flexibel bleibt, Risiken diszipliniert managt und den Mut hat, sich ständig neu anzupassen, bekommt in den kommenden Jahren so viele Chancen serviert wie vermutlich noch nie zuvor. Egal, ob du dein Geld stur liegen lässt oder die Marktwellen aktiv tradest – eins sollte jedem klar sein: Die Zeiten, in denen man sich auf alten Gewinnen ausruhen konnte, sind definitiv vorbei, denn nie zuvor wurde das Schumpetersche Prinzip der schöpferischen Zerstörung an den Märkten so schnell und gnadenlos ausgespielt.

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