1. Einführung
2. Die goldene Regel
3. Oliver Kell Strategie
4. Wie finde ich die richtigen Aktien
5. Fazit
1. Einführung:
Die Trendfolgestrategie ist eine der beliebtesten Strategien, die es im Trading gibt. Auch viele Profis, darunter auch die Erfolgreichsten, haben in ihrem System die SMAs oder EMAs. Der bekannteste unter ihnen dürfte Oliver Kell sein, der mit seiner Strategie ganze 941% in einem Jahr gemacht hat. Auf seine Strategie gehe ich später noch weiter ein. Zuerst sehen wir uns den Grundgedanken der Strategie an.
Die SMA/EMA‑Strategie basiert auf der Idee, dass ein bestehender Trend so lange bestehen bleibt, bis es eindeutige Signale gibt, die für eine Umkehr sprechen. Kurse bestehen aus Wellen. Diese Wellen werden immer wieder von langen Phasen abgelöst, in denen kaum etwas passiert. Also ruhiges Fahrwasser, wenn man so will. Wenn aber eine Welle kommt, dann schaukelt sie sich oft sehr weit auf, bevor sie wieder abflacht. Im Grunde versucht man mit dieser Strategie, die Welle so lange wie möglich zu reiten und erst dann auszusteigen, wenn man bemerkt, dass sie schwächer wird, oder eben ganz abebbt.
Sie ist deshalb so beliebt, weil sie so einfach ist. Man braucht nur ein paar Durchschnitte, die relativ einfach zu interpretieren sind. Jeder kann diese Strategie nach ein bisschen Übung anwenden.
Solltest du also neu im Trading sein, könnte diese Strategie schon etwas für dich sein. Aber zuerst sehen wir uns an, was die SMA/EMA eigentlich ist.
Wie oben schon erwähnt sind SMA und EMA Durchschnitte, genauer gesagt gleitende Durchschnitte. Es ist ein technischer Indikator, der die Durchschnittspreise über eine bestimmte Anzahl von Perioden glättet. Wenn man also in einem Tageschart die letzten 50 Tage über einen SMA berechnet, dann hat man den gleitenden Durchschnittspreis der letzten 50 Tage. Im Trading wird das dann ganz einfach der 50er‑SMA genannt.
Verschiebt man das Ganze in den 15‑Minuten-Chart, ändert sich natürlich der gleitende Durchschnitt, denn jetzt berechnet er nicht mehr die letzten 50 Tage, sondern die letzten 50 15‑Minuten-Kerzen.
Im Wesentlichen gibt es zwei verschiedene gleitende Durchschnitte, die immer verwendet werden. Zum einen ist das der SMA und zum anderen der EMA. Mehr wirst du nicht brauchen. Es gibt aber viele weitere Exoten, die Glättung, Reaktionsgeschwindigkeit oder die Rauschunterdrückung anders lösen, wie z. B. der VWMA oder der KAMA.
Einfacher gleitender Durchschnitt/Simple Moving Average (SMA): Wie der Name schon sagt, ist das der einfache gleitende Durchschnitt. Die Berechnung passiert genau so, wie man sich das denkt. Es wird eine Periode genommen (z. B. die 50 Tage) und der Tagespreis der Kerze (Schlusskurs in der Regel). Die Preise werden addiert und schließlich durch 50 geteilt. Der SMA eignet sich besonders für langfristige Trends. Da er recht langsam reagiert, sind diese meist schon etabliert, wenn er sie anzeigt. Es gibt auch viele Möglichkeiten, den SMA zu verändern. In Tradingview ist es möglich, den Berechnungswert zu ändern. Man kann also einstellen, dass er den Eröffnungskurs verwendet, oder das Hoch des Tages, oder das Tief des Tages. In der Regel arbeiten die meisten Trader aber mit Schlusskursen, deshalb würde ich empfehlen, diese Einstellung so zu lassen.
Exponentieller gleitender Durchschnitt/Exponential Moving Average (EMA):Der EMA reagiert etwas schneller als der SMA. Das liegt daran, dass der EMA die aktuelleren Kurse höher gewichtet als die, die weiter zurückliegen. Das bedeutet, dass der Hauptunterschied der beiden Durchschnitte eigentlich nur in ihrer Reaktionszeit liegt. Während die EMAs schneller reagieren als die SMAs, gibt es bei den SMAs nicht so viele Fehlsignale. Im Grunde logisch: Je schneller ich reagiere, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich falsch reagiere. Andererseits kann man viel Rendite verschenken, wenn man zu spät reagiert. Oft ist es so, dass SMAs erst ein Signal liefern, wenn bereits ¾ der Bewegung geschehen sind.
2. Die goldene Regel:
Aus dieser Problematik ergibt sich eine einfache Konsequenz, die ihr euch bei jeder einzelnen Strategie merken könnt. Ein Indikator reicht nicht aus, um eine Strategie zu besitzen. Gerade in letzter Zeit häufen sich die Videos in den Sozialen Medien, die mit einem Indikator alles erklären wollen. Besonders beliebt ist dabei die Elliot-Wellen-Theorie. Diese funktioniert so gut, da sie sehr technisch wirkt und den Eindruck vermittelt, das in dieser Theorie schon alles drin ist was man benötigt, tatsächlich ist sie aber sehr subjektiv. Zwei Trader sehen das selbe und können zu ganz anderen Schlussfolgerungen kommen. Tatsächlich ignoriert dieses Werkzeug einiges das wichtig ist. Lasst euch also keinen Bären aufbinden. Ein Youtuber der nur die Elliot-Wellen-Theorie verwendet hat keinen signifikanten Vorteil im Markt. Und um das Ganze gleich klarzustellen: Umgekehrt macht es eine Strategie auch nicht unbedingt besser, wenn man mehr Indikatoren oder Oszillatoren einbaut. Das Ganze muss sich die Waage halten.
3. Oliver Kell´s Strategie:
Wo wir auch schon bei Oliver Kell´s Strategie sind. Er nutzt die gleitenden Durchschnitte als Gerüst für seine Strategie. Dabei verwendet er die EMAs 10/20/50/200. Dieses Grundmuster kombiniert er mit klassischen Chartmustern, Momentum-Breakouts und striktem Risikomanagement. Er hat also ein Price-Aktions–System, das er selbst als Cycle of Price Action bezeichnet, und das aus 6 wiederkehrenden Phasen besteht.
Die 6 wiederkehrenden Phasen sind:
1. Reversal Extension – Trendwende durch Kapitulation
2. Wedge Pop – Der „Money Pattern“-Breakout
3. EMA Crossback – Der Pullback zur Unterstützung
4. Base ’n Break – Trendfortsetzung
5. Exhaustion Extension – Trendende
6. Wedge Drop – Beginn des Abwärtstrends
Wir gehen alles langsam miteinander durch.
Wie oben bereits erwähnt nutzt Kell die gleitenden Durchschnitte als Grundgerüst. Dabei entscheidet er wie folgt:
Den 10er EMA nutzt er als aggressiven Trendführer. Solange der Preis über dem 10er EMA ist, hält er die Positionen. Sieht er, dass der Kurs unter den 10er‑EMA fällt, wird er vorsichtig, da es ein Zeichen dafür ist, dass das Momentum bricht.
Der 20er EMA ist die Hauptunterstützung. Wenn er noch nicht in der Aktie drin ist, nutzt er den 20er EMA gerne zum Einstieg. Für ihn sind Rücksetzer auf den 20er EMA also Kaufgelegenheiten. Gleichzeitig sagt ihm der 20er EMA auch, wann der Trend außer Kontrolle gerät. Wenn sich der Kurs über 15% vom EMA 20 entfernt, ist dieser überdehnt und er nimmt reduziert die Position (Gewinnmitnahmen). Natürlich kann der Kurs noch weiter nach oben springen, aber er kauft bei so einem Niveau nicht mehr nach.
Der 50er EMA ist ein mittelfristiger Trendindikator, den man ebenfalls für Einstiege nutzen kann, da der Kurs hier sehr oft reagiert, und der 200er ist ein langfristiger Trendindikator. Wenn sich der Kurs unter dem 200‑EMA befindet, wird nicht gekauft. Denn es ist kein Trend vorhanden.
Laut Kell läuft die Börse in 6 Phasen ab, die er nutzen kann.
1. Reversal Extension – Trendwende durch Kapitulation
- Markt fällt stark → Panikverkauf
- Hohe Volumen, starke Volatilität
- Erste Unterstützung auf höherem Timeframe
- Ziel: Trendwende erkennen, aber noch nicht aggressiv kaufen
Das ist im Grunde das Ende eines Zyklus. Typisch in dieser Phase ist es, wenn sich die gleitenden Durchschnitte langsam nach oben bewegen und der 10er schließlich wieder über den 20er EMA und den 50er EMA steigt. Zuerst zeigt sich das in den niedrigeren Zeiteinheiten, die wir nutzen können, um einen frühen Einstieg zu finden, später stabilisiert sich das Ganze im Tageschart.

2. Wedge Pop – Der „Money Pattern“-Breakout
- Preis zieht nach der Trendwende seitwärts
- EMAs und Preis „tighten“ → enge Struktur
- Break über kurzfristigen Widerstand
- Dies ist der erste echte Long‑Einstieg

Im Tageschart steigt der Kurs schließlich über den 50er EMA. In dem Bild oben ist das sehr schön zu sehen. Der Kurs fiel unter den 200‑EMA (blaue Linie) und stabilisierte sich mit hohem Volumen. Die Durchschnitte liegen hier sehr eng beieinander, das nennt man ein Pivot. Ein Ausbruch über den kurzfristigen Widerstand, was zur Rückeroberung der Durchschnitte führt. Wichtig ist dabei: Die Durchschnitte sind keine Mauern, sondern verhalten sich eher wie Zonen. Zwar kann es passieren, dass ein Durchschnitt punktgenau getroffen wird, in der Regel ist es aber eher so, dass der Kurs um die Durchschnitte herum tanzt. Nachdem der Kurs die Durchschnitte zurückerobert hat, fällt er nochmal zurück, allerdings auf ein weniger tiefes Niveau. Als der Kurs die Durchschnitte wieder trifft, steigt das Volumen stark an, dann geht er nach oben durch. Der Einstieg hier ist deshalb so interessant, da er durch die Durchschnitte einen klar definierten Stopp erkennen lässt.
3. EMA Crossback – Der Pullback zur Unterstützung
- Preis testet die EMAs (meist 10/20 EMA)
- Rücksetzer mit geringem Volumen
- Niedriger Risiko‑Einstieg, wenn Preis wieder über die EMAs zieht
Sobald der Kurs steigt, ziehen die Durchschnitte nach. Hier kommt es zu einem EMA‑Crossback. Durchschnitte kreuzen sich also. Der 10er EMA steigt über den 20er EMA und schließlich steigen beide über den 50er EMA usw. Oft wird dieser Crossback als Einstieg genutzt. Hier ist allerdings Vorsicht geboten, da gerade der EMA hier viele Fehlsignale produziert.

4. Base ’n Break – Trendfortsetzung
- Aktie bildet eine saubere Base (mehrwöchige Konsolidierung)
- Breakout mit Volumen
- Hauptphase des Trend‑Ridings
Die Base´s Break ist eine weitere Einstiegschance. Sie ergibt sich oft, wenn der Kurs, wie oben gerade beschrieben, ausgebrochen ist, und sich von den EMAs weg bewegt. Die EMAs breiten sich aus. Der Kurs konsolidiert zum ersten Mal und nähert sich wieder dem 10er‑EMA an. Manchmal landet er auch punktgenau darauf. Diese Flagge, die sich dort bildet, ist eine sehr gute und frühe Gelegenheit, einzusteigen, um einem Trend zu folgen. Sobald der Kurs aus der Flagge ausbricht, kann man kaufen. Die andere Möglichkeit ist, nahe am 10er‑EMA zu kaufen. Das erlaubt es einem, den Stopp sehr knapp zu setzen, steigert aber das Risiko, ausgestoppt zu werden.

5. Exhaustion Extension – Trendende
- Preis wird zu steil, zu schnell
- • Überdehnung > 10–15 % über 20 EMA
- Klimatische Volumen‑Spikes
- Zeit, zu verkaufen oder Position zu reduzieren
Hier zeigen sich die ersten Anzeichen, dass der Trend vorbei ist. Die euphorische Stimmung sorgt dafür, dass die EMAs immer weiter auseinanderziehen und sich gleichzeitig auch immer weiter vom Preis entfernen. Oft kommt es zu starken Preiseinbrüchen, die keilförmig nach unten laufen. Diese werden oft wieder hochgekauft über mehrere Tage, erreichen aber teilweise nicht mehr ihr altes Hoch. Oft bildet sich hier auch die Wedge-Drop.

6. Wedge Drop – Beginn des Abwärtstrends
- Breakouts scheitern
- Preis fällt unter EMAs
- Neue Abwärtstrendstruktur
- Exit‑Signal
Es bilden sich neue Flaggen, wie schon am Anfang des Trends, allerdings schaffen diese den Ausbruch nicht und werden immer wieder abverkauft. Schließlich fällt der Kurs unter die gleitenden Durchschnitte und der Verkauf beginnt.
Theoretisch könnte man dann hier das Gleiche wie beim Aufwärtstrend machen, nur dass man jetzt eben Short ist, solange sich die gleitenden Durchschnitte über dem Kurs bewegen.

Das ist das Muster, das Oliver Kell erkannt hatte und das heute noch sehr gut funktioniert.

Oliver Kell: 5 Screens to find Stocks Like a Champion
Kell nutzt dabei den Ansatz von William O´Neil und seiner Slim Strategie. Er sucht sich die führenden Aktien in einem Trend. Also diese Aktien, die von den institutionellen Anlegern akkumuliert werden. Diese erkennt man daran, dass sie meistens leicht vorauslaufen. Während andere Aktien noch in der Akkumulation stecken, brechen andere bereits früher aus. O´Neil hat diese Aktien als die potenziellen neuen Führungsaktien eines neuen Zyklus beschrieben.
Suche also Aktien, die stärker sind als andere Aktien in diesem Zyklus, und vergleiche sie dann mit dem jeweiligen Index. Brechen die Aktien vor dem Index aus und führen den Trend quasi an, ist die Chance sehr groß, dass diese Aktie eine Führungsposition im nächsten Zyklus einnehmen wird.
4. Wie finde ich die richtigen Aktien:
Natürlich kann man nicht den ganzen Aktienmarkt überwachen und den Chart jeder Aktie mit dem Index vergleichen. Deshalb braucht es noch verschiedene Kriterien, die erfüllt sein müssen, damit eine Aktie überhaupt das Potenzial hat, als ein Führer aufzutreten. Schließlich wollen wir keine Pennystocks, sondern Aktien, die sich schnell und weit bewegen, die aber auch von institutionellen Akteuren beachtet werden.
Um sich also nur auf die besten Aktien zu konzentrieren, nutzt Oliver Kell grundlegende Kriterien, um die Spreu vom Weizen zu trennen.
- Er sucht nach Aktien, die ein durchschnittliches Tagesvolumen von 500.000 oder mehr haben
Das sichert ihm Liquidität, um sein Handeln ohne Probleme durchzuführen.
- Er sucht nach Aktien, die mit 2–25 Milliarden USD bewertet sind.
Diese Marktkapitalisierung zielt also auf Mid-Caps ab, die starkes Wachstumspotenzial haben
- Gewinn und Umsatzwachstum lagen in den letzten Quartalen über 30%
Ein weiteres Indiz für einen zukünftigen Führer ist das Wachstum. Beschleunigte Gewinne und Umsätze zeigen eine steigende Nachfrage. Dabei ist das Gewinnwachstum am besten dreistellig.
Neben diesen Kriterien stellt Oliver Kell auch noch technische Filter ein, um die richtigen Aktien zu finden:
- Handel über den 10- und 20- Tagesdurchschnitt.
- Eine hohe relative Stärke.
- Steigendes Volumen beim Ende von Akkumulationsphasen.

5. Fazit:
Die Strategie von Oliver Kell ist eine einfache Trendfolgestrategie, die sich klassischer Chartmuster und Price Action zunutze macht. Es ist eine Strategie, die auch auf einen Bierdeckel passen würde, wenn man es darauf anlegen würde. Und das ist es, was nicht nur die Strategie von Oliver Kell auszeichnet, sondern auch von jedem Trading Profi praktiziert wird. Eine einfache Strategie, die jeder mit etwas Übung anwenden kann. Es muss keine Strategie sein, in der 20 verschiedene Linien enthalten sind, die alle was anderes sagen, aber dann doch irgendwie dasselbe.
Anhand dieser Strategie seht ihr auch, dass eine Strategie mehr ist, als nur ein paar Linien im Chart zu folgen. Es beginnt bereits mit der Auswahl der zu handelnden Aktien. Nicht jede Aktie lässt sich mit einer Strategie traden. Und nicht jede Strategie kann jeden Markt traden. Ihr müsst sie aufeinander abstimmen. Auf die Märkte, die Aktien, und auf euch.
Deshalb dienen diese Strategien nicht als 1:1 Vorlage zum Nachmachen, sondern eher zur Inspiration und leichten Veränderung, damit ihr eine Strategie entwickeln könnt, die wirklich zu euch passt.

