Gerade bei Menschen, die nichts mit dem Aktienmarkt zu tun haben oder die in ihrem Leben schon einmal Geld im Markt verloren haben, sitzt ein Argument besonders tief: Der Aktienmarkt sei manipuliert. Die großen Gewinner seien immer nur die „großen Adressen“. Am Ende werde alles von Blackrock, Goldman Sachs und Co. gesteuert. Dass das genau genommen gar nicht so schlimm wäre, weil man ja deren Aktien kaufen kann, sei nur am Rande erwähnt. Aber Spaß beiseite.
Die Frage ist also: Stimmt das denn? Niemand würde bestreiten, dass Meldungen von diesen Häusern die Aktienkurse bewegen, aber kann man dabei schon von einer Manipulation sprechen? Gemeinsam werden wir uns den Markt etwas genauer ansehen und dem Vorwurf auf den Grund gehen.
Was bedeutet Manipulation eigentlich?
Wenn man heute von Manipulation spricht, meint man damit hauptsächlich die gezielte und verdeckte Einflussnahme auf Prozesse durch verschiedene Personen oder Gruppen.
Demnach ist eine Meldung von Goldman Sachs, die eine Aktie zum Kauf oder Verkauf empfiehlt, durchaus eine Manipulation. Somit wären wir hier eigentlich fertig. Aber Moment: Wenn die Analysten von Goldman Sachs eine Aktie bewerten und zu dem Schluss kommen, dass diese günstig ist, dann ist das letzten Endes nur eine Meinung. Natürlich kann man durch diese Einschätzung beeinflusst werden, allerdings passiert das den ganzen Tag so oft, dass kaum noch jemand etwas darauf gibt. Es gibt so viele Analysten und so viele Broker-Häuser, dass sich die wenigsten noch dafür interessieren, was die zu sagen haben. Wenn Analyst XY die Meta-Aktie zum Kauf empfiehlt – was für eine Überraschung! Aus diesem Grund würde ich das Ganze nur bedingt als Manipulation einordnen. Was ich damit genau meine, dazu komme ich später noch.
Das Konstrukt der Marktüberwachung
Zuerst gehen wir weg von den großen Adressen der Wall Street und sehen uns das noch größere Konstrukt dahinter an. Die Börse ist ein zentraler Bestandteil unserer Wirtschaft und spielt eine entscheidende Rolle bei der Vergabe von Kapital und der Preisfindung. Sie ist die Mutter von Angebot und Nachfrage.
Um den reibungslosen Betrieb des Marktes zu garantieren, gibt es mehrere Organisationen, die für die Überwachung und Regulierung zuständig sind. Das sind staatliche und internationale Finanzaufsichtsbehörden wie die Securities and Exchange Commission (SEC) in den USA, die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) in Deutschland und die Europäische Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde (ESMA). Sie setzen umfassende Regeln und Vorschriften fest, die zum Ziel haben, die Integrität des Marktes zu schützen. Das gelingt mal mehr, mal weniger – aber das ist ein anderes Thema.
Diese Behörden überwachen den Markt und setzen die Regeln mit strengen Strafen für Verstöße auch durch. Zudem dienen sie als Beschwerdestelle für Kunden, die sich von ihrem Broker falsch behandelt fühlen. Obwohl diese Regeln feststehen und sich nicht alle Tage ändern, könnte man von einer Manipulation des Marktes sprechen, da die Teilnehmer nicht alles tun dürfen, was manche gerne tun möchten. Allerdings: Auch wenn immer wieder neue Regeln dazukommen, stehen diese meist schon lange fest oder werden weit im Voraus angekündigt. Dazu kommt, dass in der Regel jeder einen Vorteil davon hat. Somit ist das Ganze zwar wohl ein Eingriff, aber keine böswillige Manipulation.
Die Rolle der Notenbanken und der FED
Dann hätten wir da noch das Federal Reserve Board (FED) in den USA, die Europäische Zentralbank und die anderen Notenbanken, die weltweit verteilt sind. Wobei die FED dabei wohl das größte Gewicht hat. Die FED ist dafür verantwortlich, die Teuerungsrate auf einem von ihnen festgelegten Niveau zu halten, ein funktionierendes Zahlungssystem aufrechtzuerhalten und das Bankenwesen sowie die Geldmenge zu überwachen.
Mit der Festlegung des Zinssatzes und der Steuerung der Geldmenge hat sie einen beträchtlichen Einfluss auf die Aktienmärkte. Zwar werden die Mitglieder der FED vom Präsidenten der USA mit Zustimmung des Senats gewählt, allerdings gibt es immer wieder Kritik an deren Neutralität. Da Mitglieder für 14 Jahre berufen werden, erlaubt es der regierenden Partei, die Bank mit Gleichgesinnten (Demokraten oder Republikanern) zu besetzen. Diese könnten bei späteren Wahlen durchaus in die Wirtschaft – und somit auch in den Aktienmarkt – eingreifen, um einen Präsidenten besser oder schlechter dastehen zu lassen.
Es gibt bisher keine Beweise dafür, dass das schon einmal passiert ist, da sich die FED offiziell auf die Gegebenheiten der Wirtschaft konzentrieren muss. Kritiker verweisen allerdings auf manche Entscheidungen, die (vielleicht durch die Wahl beeinflusst) verdächtig spät gekommen sind. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass man gewisse Entscheidungen einfacher kritisieren kann, wenn man deren Ergebnisse bereits kennt. Oft werden im Nachhinein Daten als Beweis angeführt, die zum Zeitpunkt der Entscheidung noch gar nicht zur Verfügung standen.
Wer also behauptet, die Märkte würden manipuliert, hat absolut recht. Die FED hat einen enormen Einfluss auf die Märkte, sodass man von einer Manipulation sprechen kann. Auch die Neutralität kann man durchaus anzweifeln. Allerdings ist die FED in erster Linie für die Aufrechterhaltung des Zahlungssystems und der Sicherung der Wirtschaft zuständig. Sie berücksichtigt den Aktienmarkt zwar, richtet sich aber nicht nach ihm. Dazu kommt, dass die Entscheidungen der FED so weitreichend sind, dass es in einem komplexen Ökosystem wie der Börse zu nicht eindeutigen Bewegungen kommen kann. Mit anderen Worten: Niemand kann sicher vorhersagen, wie die Märkte auf die Entscheidungen der FED reagieren werden. Da wir nach unserer Definition nur von Manipulation ausgehen, wenn sie gezielt passiert, kann man sagen: Die FED beeinflusst den Markt zwar, manipuliert ihn aber nicht.
Dummheit vs. Plan: Die große Manipulation?
Wenn wir von staatlichen Institutionen sprechen, kann man durchaus von einer Beeinflussung reden. Die „große Manipulation“, die den Mächtigen zu noch mehr Macht verhilft, sehe ich allerdings nicht. Natürlich gibt es immer wieder fragwürdige Entscheidungen und Regeln, allerdings kommen diese meiner Meinung nach eher durch Dummheit zustande und nicht durch einen durchdachten Plan. Wieso sonst entstehen katastrophale Zusammenbrüche, wenn nicht durch Dummheit und Gier?
Die reale Manipulation
Doch gerade weil das System so komplex ist und von vielen Faktoren beeinflusst wird, gibt es immer wieder Menschen, die versuchen, sich durch gezielte Manipulation einen Vorteil zu verschaffen. Diese Akteure sind meistens gar nicht so „groß“. Tatsächlich kann man sich viele Vorteile verschaffen, wenn man eher zu den kleineren Teilnehmern zählt. Im Grunde tun diese oft nichts direkt Falsches, sie nutzen einfach Grauzonen. Zwar ist die Branche größtenteils fair, aber gerade im Finanzbereich gibt es schwarze Schafe.
Gründe für die Manipulation
Der Grund ist eigentlich immer derselbe: finanzielle Bereicherung. Dabei spielt sich das Ganze oft gar nicht erst an der Börse ab. Die Manipulation beginnt schon, bevor man investiert ist, und trifft meistens genau jene Menschen, die eigentlich an eine Manipulation der Märkte glauben: die Anfänger.
Gerade in Hochphasen sprießen dubiose Börsenbriefe aus dem Boden. Sie versprechen fette Gewinne und eine Expertise, die jeden sicher durch die Märkte führt. Meistens liegen sie weit hinter den Erwartungen zurück und schlagen den Markt kaum – besonders, wenn man die Gebühren und Kosten des Briefes mit einrechnet. Auch gibt es kleine Internetseiten, die eine Aktie bald um 1000 % steigen sehen. Wer da nicht sofort einsteigt, verpasst alles. Die meisten Autoren solcher Zeilen sind bereits selbst in der Aktie investiert und versuchen, mit Gewinn wieder rauszukommen, indem sie andere zum Kauf verleiten.
Auch Macht und Kontrolle sind Motive. Gerade im Kryptosektor ist das oft zu beobachten. Betrüger kreieren nutzlose Coins, nur um sie unters Volk zu bringen. Oft sind es bekannte Scammer, die damit reich geworden sind und es weiter betreiben, weil sie die Kontrolle lieben. Mit einer Transaktion können sie den ganzen Coin abstürzen lassen und festlegen, wer Gewinner und wer Verlierer ist.
Ein weiterer Grund ist einfache Wettbewerbsverzerrung. Unternehmen verbreiten Unwahrheiten, um Konkurrenten zu schwächen. Shortseller können schwere Vorwürfe erheben, um den Kurs zu drücken. Wie gesagt, viele sind seriös und belegen ihre Ansprüche, aber es gibt eben auch jene, die nur ihre Shortposition „vermarkten“ wollen.
Wie manipulieren diese Akteure die Märkte?
- Pump and Dump: Eines der häufigsten Schemata. Akteure kaufen eine große Menge einer Aktie und verbreiten positive Gerüchte. Sobald der Preis künstlich gestiegen ist, verkaufen sie, was zum Kursverfall führt. Besonders bei Aktien mit geringer Marktkapitalisierung (z. B. Bergbau-Aktien) ist Vorsicht geboten. Man verkauft den Leuten eine Story: „Sobald das Gebiet erschlossen ist, explodiert der Kurs um 1000 %.“ Auch ich habe so eine Aktie im Depot – sie erinnert mich täglich daran, wie schnell man auf so etwas reinfallen kann.
- Krypto-Manipulation: Hier gibt es neue Stufen des Scams. Manche setzen auf große Namen wie Blackrock. Es wird ein Coin erstellt, an einer Börse gelistet und ein paar Einheiten an offizielle Blackrock-Adressen gesendet. Wer im Explorer nachsieht, denkt: „Blackrock hält den Coin, der hat Potenzial!“ Soweit ich recherchieren konnte, hat diese Masche tatsächlich funktioniert, bevor Gegenmaßnahmen ergriffen wurden.
- Das Glücksspiel-Prinzip: Bei neu erstellten Coins weiß eigentlich jeder, worauf er sich einlässt. Die Preise steigen in den ersten Tagen rasant, bis Schluss ist – der Letzte verliert. Die Manipulation besteht hier darin, das Gefühl zu erzeugen, man könnte das kontrollieren. Aber die Kontrolle hat nur der Ersteller.
- Short and Distort: Das Gegenteil von Pump and Dump. Man verkauft Aktien leer und verbreitet schlechte Nachrichten. Das heißt nicht, dass man solchen Berichten nie glauben darf – seriöse Shortseller decken Missstände auf und verdienen so ihr Geld. Aber man sollte immer skeptisch sein und selbst prüfen. Wie lange sich so etwas hinziehen kann, zeigt Wirecard, wo es schon 2008 erste Vorwürfe gab.
Insiderhandel und Politik
Von Insiderhandel spricht man, wenn Personen mit Zugang zu nicht öffentlichen Informationen diese für Trades nutzen. Diese Manipulation ist illegal und verstößt gegen faire Marktprinzipien. Leider gibt es aktuell Fälle, die auffallen.
Durch die Rückkehr von Donald Trump ins Weiße Haus kommt es vermehrt zu fragwürdigen Aktionen in seinem Umfeld. Trump unterstützt nun aktiv Kryptowährungen, während seine Söhne in Krypto-Firmen involviert sind, die von seinen Entscheidungen profitieren. Dazu kommen die fragwürdigen Öl-Trades kurz vor markttreibenden Aussagen. Das Familienvermögen der Trumps ist seit der zweiten Amtszeit um schätzungsweise 50 bis 70 % gestiegen. Entweder ist er ein unglaublicher Geschäftsmann geworden, dem neben dem Regieren langweilig war, oder hier findet etwas anderes statt. Erfahren werden wir es wohl erst nach seiner Amtszeit.
Zwar ermitteln die Börsenaufsicht und das Justizministerium, aber ich persönlich bezweifle, dass etwas herauskommt. Der Justizminister wird vom Präsidenten ernannt und kann Ermittlungen einschlafen lassen. Zudem erlaubt das wiedereingeführte „Schedule F“, kritische Ermittler bei der CFTC oder SEC einfach durch loyale Leute zu ersetzen. Man könnte behaupten, das sei von langer Hand geplant – oder eben Zufall. So oder so könnte das Vertrauen in den Markt dadurch so stark geschädigt werden, dass es bald keinen Markt mehr gibt.
Marktmedien: Der größte Manipulator
Der größte Manipulator sind jedoch die Medien. Jeder darf sich heute Experte nennen. Börsenzeitungen dienen oft der Unterhaltung – dazu zählt auch Moneylaist. Viele Magazine schreiben gute Artikel, aber man sollte nie nur aufgrund einer Empfehlung kaufen. Magazine brauchen Klicks. Überschriften wie „Hat diese Aktie noch 300 % Potenzial?“ werden nie klar beantwortet, weil niemand die Zukunft kennt. Alles basiert auf Wahrscheinlichkeiten, besonders in der Charttechnik. Das Schöne für die Magazine: Der Rubel rollt das ganze Jahr weiter.
Es ist wichtig, Berichte kritisch zu hinterfragen. Es ist dein eigenes Konto. Wenn man keine Verantwortung übernehmen will, sollte man einen ETF kaufen und Analysen als das sehen, was sie sind: Unterhaltung.
Fazit
Wenn man sich die Organisationen und Regularien ansieht, kann man sagen: Der Markt wird ständig beeinflusst (oder manipuliert). Diese Beeinflussung zielt aber meist auf die Gesamtwirtschaft ab, nicht auf einzelne Aktien. Für große Player ist echte Manipulation durch die scharfe Überwachung schwierig.
Sieht man sich jedoch die kleineren Akteure an, gibt es viele Grauzonen. Die meisten Manipulationen beginnen bei uns selbst – durch Gier und mangelnde Skepsis.
Durch den Fall Trump bekommt das ganze nochmal eine ganz andere Dimension und wir können hoffen das dieses Modell für zukünftige Präsidenten keine Schule macht. Denn das würde über kurz oder lang das Vertrauen der Teilnehmer in den Markt für immer Zerstören und dafür sorgen das wir die Börse, so wie wir sie kennen für immer dahin ist. Dann würde der Spruch wohl stimmen, das hier nur die großen profitieren können. Soweit ist es aber noch nicht.
Auch die Medien spielen mit bei der Manipulation, da sie von reißerischen Artikeln und Klicks leben. Am Ende gilt: Je größer der versprochene Gewinn, desto vorsichtiger sollte man sein.

